Eine beunruhigende Entdeckung

Einige Wochen waren seit dem großen Trauerfest in der Festung auf dem Adlerkopf vergangen, bei dem der Südturm feierlich in „Bernfriedturm“ umbenannt worden war. Dennoch lastete die Trauer um den gefallenen Knappen Bernfried noch immer schwer auf den Gemütern des Schwerterordens. Allerich zu Hardtenfels hatte angeordnet, das Dorf Waldesruh besser zu befestigen und zusätzliche Wachen auf den Mauern der Festung einzusetzen. Die Bedrohung durch die Orks war nicht gebannt, und ihre jüngsten Vorstöße beunruhigten die Ritter und ihre Verbündeten gleichermaßen.

Egelhard von Breitenschwert, der Berichterstatter des Hinterhalts im Falkenpass, kehrte eines Abends von einem Erkundungsritt zurück. Schmutz und Staub bedeckten seine Rüstung, und sein Gesicht wirkte gezeichnet von Kummer und Sorge. Sofort wurde er zu Allerich gebeten, um von seinen Entdeckungen zu berichten.

Mit ernster Miene trat Egelhard in den Thronsaal, wo das große Schwert des Ordens in silbrigem Glanz an der Wand hing. Allerich zu Hardtenfels erhob sich von seinem Stuhl, das goldblaue Wappen des Ordens an seiner Brust, und blickte Egelhard forschend an. Um sie herum standen weitere Ritter des Ordens und einige der ältesten Knappen, die dem Aufruf zum Kampf gefolgt waren.

„Sprich, Egelhard, was hast du in den Ausläufern der Schattenkuppen entdeckt?“, forderte Allerich ihn auf.

Egelhard räusperte sich und begann leise: „Ich bin dem alten Pfad gefolgt, der einst nach Südosten führte, in Richtung der Moorlande. Dort stieß ich auf Spuren, die zweifelsfrei von Orks stammen. Doch es waren nicht nur einfache Krieger – ich entdeckte Hinweise auf große Zugtiere und auf ein Lager, das weit umfangreicher sein muss, als wir vermutet haben. Sie scheinen sich neu zu sammeln, Herr. Und sie sind gut organisiert.“

Ein Raunen ging durch die Anwesenden. Allerich runzelte die Stirn und ballte seine behandschuhte Hand zur Faust. „Sieht es so aus, als wollten sie erneut angreifen? Sind sie zahlreicher geworden?“, fragte er.

Egelhard nickte düster. „Ich fürchte ja. Ihre Spuren verlaufen in einem weiten Bogen um unsere Befestigungen herum, als würden sie unsere Patrouillen meiden. Sie wissen, dass wir gewarnt sind. Und –“ er hielt inne und fuhr sich über das Gesicht, als suche er nach den richtigen Worten, „– ich fand eine verlassene Siedlung, kaum ein Tagesmarsch von hier entfernt. Ein kleines Dorf, das von seinen Bewohnern offenbar fluchtartig verlassen wurde. Kein Blut, kein Kampfgeschrei, aber die Hütten waren geplündert, die Felder verwüstet. Es war … gespenstisch ruhig.“

Allerich spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Er dachte an die alten Geschichten, die vom großen Orkangriff vor einem Jahrhundert erzählten. Damals hatte der Schwerterorden sein Blut vergossen, um Waldesruh zu retten. Würde es nun erneut zu einem großen Krieg kommen?

Nach einem Moment der Stille legte Allerich dem Ritter Egelhard eine Hand auf die Schulter. „Du hast uns einen wichtigen Dienst erwiesen, Egelhard. Unsere nächste Aufgabe wird es sein, ihre Stellungen genau auszukundschaften. Wir müssen wissen, was sie vorhaben, bevor wir mit all unserer Macht zuschlagen. Doch dieses Mal werden wir uns nicht unvorbereitet in einen Kampf stürzen. Wir werden Verbündete suchen und das Volk von Waldesruh besser schützen, damit sich die Tragödie von vor hundert Jahren nicht wiederholt.“

Die Augen der Anwesenden blitzten kampfbereit. Trotz der Trauer, die sie noch in ihrem Herzen spürten, vereinte sie ein neuer Entschluss: Sie würden nicht zulassen, dass die Orks erneut Leid und Zerstörung über ihre Heimat brachten. Die Erinnerung an Bernfrieds Opfer schwelte in ihnen und gab ihnen Kraft.

Allerich erhob sein Schwert, dessen Klinge im warmen Schein der Fackeln funkelte. „Ritter und Knappen des Schwerterordens“, rief er, „so wie einst unsere Vorfahren das Land beschützten, so werden wir es wieder tun! Bereitet euch vor, schärft eure Schwerter und stärkt euren Geist. Wenn die Orks mit ihrer Armee anrücken, werden wir ihnen mit Mut und Gerechtigkeit entgegentreten!“

Ein Chor entschlossener Stimmen antwortete ihm. Die Ritter und Knappen eilten davon, Waffen und Rüstungen zu prüfen oder Botschafter zu entsenden, die Verbündete um Hilfe bitten sollten. Allerich und Egelhard blieben einen Moment allein zurück. Ihr Blick fiel auf das alte, namenlose Schwert an der Wand, dessen Geheimnis noch immer nicht ganz gelüftet war. In dieser Stunde schien seine Präsenz stärker denn je – als wolle es den Orden daran erinnern, dass selbst in dunkelsten Zeiten Hoffnung und Überwindung möglich waren.

So bereitete sich der Schwerterorden auf eine neue Prüfung vor. Waldesruh und die umliegenden Ländereien setzten all ihre Hoffnung in die rechtschaffenen Ritter, die einst gegen die Orkhorden gesiegt hatten. Doch niemand wusste, welche Schrecken hinter den Wäldern und Pässen lauerten – und ob das Land die Kraft finden würde, den drohenden Sturm ein zweites Mal zu überstehen.